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ETF – Die verkannte Anlagestrategie · Teil 3 von 7

Ein ETF kauft nicht die Besten. Er kauft die Größten.

Das ist kein Makel, sondern die Bauart. Aber wer es nicht weiß, hält eine Länderwette für Streuung und ein Produkt für eine Strategie. Dieser Teil erklärt, was tatsächlich in einem weltweit anlegenden Index-ETF steckt.

Erschienen am 27. August 2026 · Lesedauer etwa 8 Minuten · Markus Feistle, Strategischer Finanzarchitekt

Ein ETF kauft nicht die Besten. Er kauft die Größten.
Stand: 27. August 2026

Was am 31. August passiert — und warum es ein Lehrstück ist

Am Montag, dem 31. August 2026, wird der MSCI World planmäßig neu zusammengestellt. Das ist die quartalsweise Indexüberprüfung. Rund 92 Unternehmen verlassen den Index, 55 kommen hinzu.

Darunter zwei bekannte deutsche Namen, die herausfallen: Scout24 (ImmoScout24) und CTS Eventim. Beide sind profitabel. Beide wachsen. Sie fliegen trotzdem raus — weil sie unter die Größenschwelle für „Large Cap“ gerutscht sind.

Wenn Sie einen MSCI-World-ETF halten, finden an diesem Tag Transaktionen in Ihrem Depot statt, die kein Mensch für Sie entschieden hat.

Ein Dienstag. Ein Anruf. Ein Missverständnis.

Es war ein Dienstagabend, als Thomas anrief. Maschinenbauingenieur, 43, Führungskraft bei einem Automobilzulieferer. Er klang zufrieden. Erleichtert, fast. „Ich habe jetzt endlich investiert“, sagte er. „In die besten Unternehmen der Welt.“

Ich höre diesen Satz oft. In Variationen, aber im Kern immer gleich. Und jedes Mal legt er denselben Denkfehler offen.

„Thomas“, sagte ich, „wissen Sie, wie viel von Ihrem Geld gerade in deutschen Automobilkonzernen steckt? In europäischen Banken? In der fossilen Energiebranche?“

Kurze Pause. „Äh … wenig, schätze ich. ETFs kaufen doch die Besten.“

„ETFs kaufen die Größten“, antwortete ich. „Das ist nicht dasselbe.“

Das Prinzip, das selten erklärt wird

Ein Index-ETF bildet einen Index ab. Der bekannteste ist der MSCI World mit rund 1.300 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Klingt nach breiter Streuung. Ist es auch — aber nicht nach Qualität.

Der entscheidende Mechanismus heißt Marktkapitalisierungsgewichtung: Je größer ein Unternehmen an der Börse bewertet ist, desto mehr Gewicht bekommt es im Index — und desto mehr Ihres Geldes fließt automatisch dorthin.

Ein Beispiel: Hat Unternehmen A eine Marktkapitalisierung von 3 Billionen Dollar und Unternehmen B eine von 3 Milliarden, ist A tausendmal so stark gewichtet. Nicht weil es besser wirtschaftet. Nicht weil es die Zukunft besser im Griff hat. Sondern weil es größer ist.

Größe ist kein Qualitätsmerkmal. Größe ist Ergebnis — oft aus einer Vergangenheit, die wenig über die Zukunft sagt.

Was in einem MSCI-World-ETF tatsächlich steckt

Zahlen zum Stand der Indexüberprüfung vom 31. August 2026. Sie ändern sich laufend — maßgeblich ist immer das aktuelle Factsheet Ihres Fonds.

PositionAnteil am Index
USA insgesamtrund 72 %
Sektor Informationstechnologierund 29 %
Größte Einzelposition (Nvidia)rund 5,2 %
Zweitgrößte Position (Apple)rund 5,1 %
Microsoftrund 3,7 %
Amazonrund 2,9 %
Die zehn größten Positionen zusammenrund 27 % — alle zehn US-Unternehmen

Zum Vergleich: Die USA stehen für etwa 26 % der weltweiten Wirtschaftsleistung (nominal gerechnet; kaufkraftbereinigt sind es rund 15 %). Im Index sind es 72 %.

Das ist kein Fehler des Index, sondern seine Logik. Der MSCI World bildet nicht die Weltwirtschaft ab, sondern Börsenbewertungen. Wer ihn kauft, geht damit — bewusst oder unbewusst — eine erhebliche Länder- und Sektorwette ein.

Der blinde Fleck

Ich habe viele Anleger kennengelernt, die bei Einzelaktien sehr genaue Vorstellungen hatten: bestimmte Branchen nicht, bestimmte Unternehmensführungen nicht. Dieselben Menschen wurden ETF-Anleger — und hatten all das im Depot.

Ein Index kennt keine Qualität, keine Ethik, keine Zukunftsfähigkeit. Er kennt eine einzige Kennzahl: Marktkapitalisierung.

  • Automobilkonzerne unter strukturellem Transformationsdruck sind enthalten — wegen ihrer Größe.
  • Großbanken sind enthalten — wegen ihrer Größe.
  • Öl- und Gasunternehmen sind enthalten — wegen ihrer Größe.
  • Scout24 und CTS Eventim fliegen heraus — obwohl profitabel und wachsend. Zu klein für die Schwelle.

Das sind keine schlechten Unternehmen, und das ist auch nicht der Punkt. Der Punkt ist: Es ist keine Auswahl nach Qualität. Es ist eine Auswahl nach Größe.

Die Kostenfrage

ETFs gelten als günstig, und das stimmt. Ein breiter Index-ETF liegt bei einer jährlichen Kostenquote von etwa 0,1 bis 0,3 Prozent; der meistgekaufte in Deutschland liegt bei 0,20 Prozent. Aktiv gemanagte Fonds mit Ausgabeaufschlag kosten ein Vielfaches.

Günstig heißt aber nicht kostenlos. Auf 100.000 Euro sind 0,20 Prozent 200 Euro im Jahr — dazu kommen Handelsspanne, Transaktionskosten bei Indexüberprüfungen wie der am 31. August und steuerliche Wirkungen bei Umschichtungen.

Das bleibt günstig. Wer aber glaubt, er zahle nichts, rechnet falsch.

Was Thomas heute weiß

Thomas hat seinen ETF nach unserem Gespräch nicht verkauft. Er hat ihn verstanden. Das ist der Unterschied — und mir ist wichtig, dass er hier steht.

Er weiß jetzt, dass er mit rund 72 Prozent seines ETF-Kapitals auf die USA setzt. Dass eine einzige Aktie gut 5 Prozent seiner Anlage ausmacht. Dass sich sein Depot quartalsweise verändert, ohne dass er etwas entscheidet.

Ein ETF ist ein Instrument. Ein mächtiges, günstiges, effizientes Instrument. Aber er ist kein Gedanke, kein Plan und kein Ersatz für eine Strategie.

Und ja — ich verdiene an ETFs nichts

Diesen Satz sollten Sie mitlesen, während Sie das hier lesen: An einem ETF verdiene ich nichts. Wer einen Text kritisch findet, sollte wissen, welches Interesse dahintersteht — also sage ich es selbst, statt es Sie suchen zu lassen.

Was daraus nicht folgt: dass ETFs schlecht sind. Ich empfehle sie regelmäßig, weil sie für viele Situationen das passende Werkzeug sind. Was folgt, ist nur dies: Ein Werkzeug ersetzt keine Entscheidung darüber, wie viel USA, wie viel Technologie und wie viel Schwankung zu Ihrem Leben passen.

Bei Anlagethemen arbeite ich als vertraglich gebundener Vermittler unter der Haftung der MLP Banking AG. Ich habe kein eigenes Produkt und keine Quote auf irgendetwas. Vergütet werde ich, wenn etwas zustande kommt — wie jeder Vermittler.

Drei Dinge, die Sie heute prüfen können

  • Sehen Sie sich die tatsächliche Zusammensetzung an, nicht das Etikett. Wie viel USA? Wie viel Technologie? Welche fünf Positionen sind die größten? Das Factsheet Ihres Fonds sagt es Ihnen in zwei Minuten.
  • Fragen Sie sich, ob das eine bewusste Wette ist. Wenn Sie nicht sagen können, warum rund 72 Prozent USA für Sie sinnvoll sind, haben Sie keine Strategie. Sie haben ein Produkt.
  • Wissen Sie, was bei der nächsten Indexüberprüfung geschieht. Quartalsweise verändern sich Ihre Positionen automatisch.

Wo meine Rolle anfängt — und wo sie aufhört

Diese Seite ist allgemeine Information, keine Anlageberatung im Einzelfall und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung für ein bestimmtes Produkt. Ob ein ETF zu Ihnen passt, hängt an Ihrer Lage, Ihrem Anlagehorizont und Ihrer Risikotragfähigkeit — das lässt sich nur im Gespräch klären, nicht auf einer Website.

Risikohinweis: Kapitalanlagen in Wertpapieren sind mit Risiken verbunden. Kurse können fallen; ein Verlust des eingesetzten Kapitals ist möglich. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Hinweis auf die künftige Entwicklung. Alle Zahlen zum genannten Stand; maßgeblich sind die jeweils aktuellen Verkaufsunterlagen und Factsheets des Anbieters.

Bevor Sie fragen

Soll ich meinen ETF jetzt verkaufen?

Aus diesem Text folgt das ausdrücklich nicht. Thomas hat seinen behalten. Es geht nicht um kaufen oder verkaufen, sondern darum zu wissen, worauf man setzt. Wer aus einer Information heraus verkauft, ohne seine Gesamtlage zu kennen, ersetzt einen unbewussten Fehler durch einen anderen.

Sind aktive Fonds dann besser?

Im Durchschnitt und über lange Zeiträume schlagen die meisten aktiv gemanagten Fonds ihren Vergleichsindex nach Kosten nicht — das zeigen die einschlägigen Untersuchungen seit Jahren. Die Frage ist also nicht „aktiv oder passiv“, sondern welche Struktur zu Ihren Zielen passt.

Ist ein MSCI World nicht breit gestreut?

Über viele Titel: ja. Über Länder und Sektoren: deutlich weniger, als der Name vermuten lässt. Rund 72 Prozent USA und rund 29 Prozent Informationstechnologie sind eine Konzentration — sie kann sich auszahlen oder nicht, aber sie sollte eine Entscheidung sein.

Was wäre die Alternative?

Selten ein anderes Produkt. Meistens eine Entscheidung darüber, wie das Ganze aufgebaut sein soll: welcher Teil Ihres Vermögens schwanken darf, welcher nicht, und was daneben schon läuft — gesetzliche Rente, betriebliche Versorgung, Immobilie. Genau das ist die Architekturfrage.

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